Die psychotherapeutischen Honorarkürzungen 2026 im Kontext des neoliberalen Kapitalismus


Disclaimer: Dieser Text ist eine Streitschrift zur aktuellen Lage; in unserem Netzwerk laufen die Diskussionen um einige angeschnittene grundlegendere Punkte noch. Der Text spiegelt also nicht notwendigerweise die Meinung des gesamten Netzwerks wider.

Der Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses vom 11. März 2026, die Honorare für ambulante psychotherapeutische Leistungen zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent abzusenken, stellt weit mehr dar als eine bloße fiskalische Anpassung innerhalb des deutschen Gesundheitswesens. Er ist das Symptom einer tiefen gesellschaftlichen Krise, in der das menschliche Subjekt und sein psychisches Leid zunehmend der Logik der kapitalistischen Verwertung untergeordnet werden. Während die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) diesen Schritt als notwendigen „Kompromiss“ in Zeiten finanzieller Instabilität darstellen, steckt darin eine systematische Abwertung der psychotherapeutischen Arbeit zugunsten einer ökonomisierten Medizin. In einer Situation, in der der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung durch globale Krisen, eine prekarisierte Arbeitswelt und einen spürbaren Rechtsruck in der Gesellschaft ein Rekordniveau erreicht hat, wirkt die Entscheidung wie ein Angriff auf die psychische Integrität der Bevölkerung.

Die Ökonomisierung des Leidens: Daten und Fakten der Entwertung der Psychotherapie

Die beschlossene Absenkung betrifft nahezu das gesamte Spektrum ambulanter Leistungen, von der Akutbehandlung bis hin zur Langzeittherapie. Zwar versuchen die Krankenkassen die Kürzung durch eine Anhebung der Strukturzuschläge um 14,25 Prozent abzufedern, doch die reale wirtschaftliche Belastung bleibt für die meisten Praxen bestehen. Selbst bei optimaler Auslastung und vollem Erhalt der Zuschläge ergibt sich eine effektive Honorarminderung von etwa 2,8 Prozent. In Anbetracht einer Inflationsrate, die die Betriebskosten seit 2021 um etwa 16 Prozent in die Höhe getrieben hat, bedeutet dies einen massiven Realeinkommensverlust für Therapeut:innen. Eine Berufsgruppe, die ohnehin am unteren Ende der vertragsärztlichen Honorarskala steht. Um gleich viel wie vor den Kürzungen zu verdienen, müssten mehr Menschen behandelt werden, was einen Drang zu vermehrter Produktivität mit sich bringt. Bei einem Einkommensverlust von 5€ pro Sitzung müssen beispielsweise bei 24 Behandlungsstunden pro Woche eine Sitzung mehr angeboten werden um die Kürzung auszugleichen. Hochgerechnet auf alle Kassensitze in Deutschland ist das ein Schnäppchen für den GKV Spitzenverband.

Die Absurdität der Entscheidung wird durch den Fakt deutlich, dass jeder investierte Euro in Psychotherapie 3 Euro Kosten im Gesundheitswesen einspart. Der Vergleich mit anderen Fachgruppen verschärft die Sinnentleertheit: Während Psychotherapeut:innen mit einer Kürzung konfrontiert werden, stieg der Orientierungswert für ärztliche Leistungen im Jahr 2026 um 2,8 Prozent. Diese Ungleichbehandlung verdeutlicht, dass psychotherapeutische Arbeit in den Augen der Kostenträger:innen weniger „wert“ ist als somatische Behandlungen. Der GKV-Spitzenverband forderte initial sogar eine Kürzung von 10 Prozent, was darauf hindeutet, dass die nun beschlossenen 4,5 Prozent möglicherweise das Ergebnis einer taktischen Anker-Setzung waren, um solcherlei Einschnitte gesellschaftsfähig zu machen. Dazu kommt eine strukturell sexistische Komponente: Je mehr eine medizinische Tätigkeit auf den zwischenmenschlichen Kontakt und Sprache setzt, weiblich geprägt ist, desto schlechter ist auch die Bezahlung. Da circa 80% der Psychotherapeut*innen Frauen sind, steckt in der Entscheidung eine genderspezifische Abwertung.

Die Kürzungen verkennen außerdem die spezifische Natur psychotherapeutischer Arbeit. Im Gegensatz zu vielen ärztlichen Leistungen ist Psychotherapie strikt zeitgebunden. Ein:e Therapeut:in kann den Einnahmeverlust nicht durch eine Erhöhung der Taktung oder die Behandlung von mehr Patient:innen pro Stunde ausgleichen. Der Versuch, die „Produktivität“ in der Psychotherapie durch Honorarkürzungen zu erzwingen, zeugt von einer Ignoranz gegenüber der therapeutischen Prozesshaftigkeit oder von einer bewussten Inkaufnahme der Qualitätsverschlechterung. Zum Ausgleich werden einige Psychotherapeut:innen mehr Privatpatient:innen oder wohlhabende Selbstzahler:innen behandeln, von denen sie 2,3 bis 3,5fach höhere Sätze verlangen können, was eine verschärfte Exklusion von der psychotherapeutischen Versorgung von gesetzlich versicherten oder prekär beschäftigten Menschen in psychischen Krisen zur Folge haben wird. Giovanni Maio kritisiert in diesem Zusammenhang eine „Produktionslogik“, die gegen die ursprüngliche „Professionslogik“ der Heilberufe agiert und therapeutisches Handeln auf berechenbare, quantifizierbare Einheiten reduziert. Die intersektionale Verschränkung der Diskriminierung durch psychisches Leiden und Klassismus verschärft sich an dieser Stelle.

Der Kapitalistische Realismus und die Psychopolitik der Selbstausbeutung

Um die ideologische Basis dieser Kürzungen zu verstehen, ist das Konzept des „Kapitalistischen Realismus“ von Mark Fisher hilfreich. Fisher beschreibt damit einen Zustand, in dem es unmöglich scheint, sich eine Alternative zum Kapitalismus vorzustellen. Dieser Realismus durchdringt auch das Gesundheitswesen: Psychisches Leid wird als individuelles, chemisch-biologisches Problem gerahmt, das unabhängig von sozialen Machtverhältnissen existiert und das somit essenzialisiert festgeschrieben und von gesellschaftlichen Verhältnissen entkoppelt wird.

Fisher argumentiert, dass die „Chemico-Biologisierung“ psychischer Krankheiten deren Depolitisierung zur Folge hat. Wenn Depressionen nur als Serotoninmangel begriffen werden, muss das System die Frage nach den sozialen Ursachen – wie Armut, Prekarisierung oder Leistungsdruck – nicht mehr beantworten. Die Honorarkürzungen sind die logische Konsequenz dieser Ideologie: Wenn Therapie nur dazu dient, ein „defektes“ Individuum wieder funktionstüchtig zu machen, kann sie nach marktwirtschaftlichen Kriterien „optimiert“ und gekürzt werden. Im schwer zu durchdringenden Realismus dieses Zustands bleibt eine Kritik vonseiten der Betroffenen oftmals aus, u.a. da sie diese Idee nicht selten in ihr Selbstbild integriert haben.

In einer kapitalistischen Logik ist ein Gut umso attraktiver, je effizienter es skaliert werden kann. Ein Medikament kann millionenfach produziert und mit hoher Gewinnspanne verkauft werden; psychotherapeutische Arbeit hingegen bleibt an den lebendigen Körper und die begrenzte Zeit der Therapeutin gebunden. Die Psyche funktioniert nach anderen Logiken, ist keine biologische Maschine und ihre Veränderung ist nicht beliebig zu beschleunigen.

Im Zuge der Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer „Kontrollgesellschaft“ (Gilles Deleuze), in der die Kontrolle nicht mehr durch Mauern, sondern durch kontinuierliche Modulation und digitale Chiffren erfolgt, gerät Psychotherapie oft in die Rolle eines Reparaturmechanismus für das „unternehmerische Selbst“. Dieser neoliberale Subjektentwurf verlangt von jedem Einzelnen, sich als Projekt zu begreifen, das ständig optimiert werden muss. Freiheit wird hier zur Pflicht der Selbstausbeutung. Byung-Chul Han argumentiert, dass wir heute nicht mehr einem äußeren Herrscher unterworfen sind, sondern uns selbst freiwillig ausbeuten, bis wir ausbrennen.

Die Honorarkürzungen entziehen die Ressourcen für eine therapeutische Reflexion diesen Zustands vor allem denen, die sich keine private Psychotherapie leisten können, weil die Wartelisten für gesetzlich versicherte aller Voraussicht nach länger werden. Den Therapeut:innen liegt der neue Zustand im kapitalistischen Realismus zunehmend nahe, ihre Arbeit auf Verwertbarkeit zu prüfen, die wiederum innerhalb der psychopolitischen Logik funktioniert. Kritische Psychotherapie müsste jedoch eine Praxis der Freiheit sein, die zur Selbstaufklärung der Subjekte über inner-psychische und gesellschaftliche Dynamiken beiträgt und Räume für Lebensweisen öffnet, die sich der Verwertungslogik entziehen. Emanzipatorische Psychotherapie braucht Zeit zur Reflexion in einer sich beschleunigenden Welt.

Die aktualpolitische Dimension: Austerität und der Rechtsruck

Die Honorarkürzungen fallen in eine Zeit massiver politischer Instabilität. Der spürbare Rechtsruck in Deutschland und Europa ist kein Zufallsprodukt, sondern steht in einem direkten Zusammenhang mit der jahrzehntelangen Austeritätspolitik. Dieser Entzug öffentlicher Ressourcen führt zu einer Verschärfung prekärer Lebensverhältnisse und einer Umverteilung des Reichtums von unten nach oben.

Studien belegen, dass Budgetkürzungen im Gesundheits- und Sozialbereich das Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben und den Boden für rechtspopulistische Bewegungen bereiten. Wenn Menschen erleben, dass der Staat sie in existenziellen Krisen im Stich lässt, wenden sie sich Parteien zu, die einfache Sündenbock-Lösungen anbieten. Die AfD mobilisiert erfolgreich Ängste vor Statusverlust und finanzieller Unsicherheit, die durch den Abbau der Daseinsvorsorge teilweise real begründet sind.

Die Kürzungen sind somit ein Katalysator für gesellschaftliche Spaltung. Während die etablierte Politik die Daseinsvorsorge als verzichtbaren Kostenfaktor behandelt, nutzen rechte Kräfte die daraus resultierende Frustration, um eine „exkludierende Solidarität“ zu propagieren, die sich nur auf die eigene völkische Gruppe bezieht und soziale Rechte gegen Migrationsfragen ausspielt. Die Abwertung der Psychotherapie in einer solchen Situation ist politisch brandgefährlich, da sie den Raum für Reflexion und Solidarität in einer ohnehin an vielen Stellen entsolidarisierten Gesellschaft massiv verengt und die Sorge um den Menschen in seiner Vielseitigkeit und Komplexität abwertet. Symbolisch wird das rechte Ideal der exkludierenden Solidarität auf die psychotherapeutische Versorgung aufgedrückt und es droht die Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin.

Die klinische Katastrophe: Chronifizierung, Wartezeiten und Mortalität

Die Auswirkungen der Kürzungen werden nicht abstrakt bleiben, sondern sich in realem Leid messen lassen. Psychotherapie ist keine verzichtbare Dienstleistung, sondern eine lebensnotwendige Versorgung. Auch wenn mehr Psychotherapie sicherlich nicht die Lösung für die gesellschaftlichen Probleme ist, fangen Psychotherapeut:innen viel Leid auf. Die Abwertung dieser Arbeit ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die bereits jetzt unter einem maroden System leiden.

Bereits im Jahr 2022 wurde festgestellt, dass es im Durchschnitt 20 Monate dauert, bis Menschen mit Depressionen professionelle Hilfe suchen. Wenn sie dann auf eine Wartezeit von weiteren 20 Wochen für einen Therapiebeginn stoßen, ist der Weg in die Chronifizierung vorgezeichnet. Lange Wartezeiten führen dazu, dass sich Symptome verfestigen, die Lebensqualität dauerhaft verloren geht und soziale Beziehungen zerbrechen. Regionale Disparitäten verschärfen das Problem.

Die drastischste Folge der Unterversorgung ist die Suizidalität. Etwa die Hälfte aller Patient:innen mit Depressionen erleben während der Wartezeit eine Verschlechterung ihres Zustands bis hin zu Suizidversuchen. Psychotherapeut:innen geben an, dass Suizide in ihrem Berufsleben kein seltenes Ereignis sind, wobei viele diese als „teilweise vermeidbar“ einschätzen, sofern eine rechtzeitige Versorgung erfolgt wäre (Lehmann, J., et al., 2024). Die Kürzung der Honorare und die damit verbundene erwartbare Reduzierung des Terminangebots für Kassenpatient:innen ist somit im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlich. Sie signalisiert einer vulnerablen Gruppe, dass ihr Überleben dem Staat weniger wert ist als die Einhaltung willkürlicher Budgetgrenzen.

Ein Aufruf zur Radikalisierung und Politisierung

Angesichts dieser systemischen Gewalt sollte es Widerstand geben. Die Profession steht vor der Notwendigkeit einer Radikalisierung, um die Probleme an der Wurzel (lat. radix) zu fassen. Es geht darum, den kapitalistischen Realismus zu überwinden und eine Gesellschaft aufzubauen, in der es um Bedürfnisse der Vielen statt Profite der Wenigen geht. Dazu braucht es Engagement auf vielen Ebenen.

Das Ideal der „politischen Neutralität“ als Psychotherapeut:in ist ein Mythos und eine Fehlkonzeption und führt in der Praxis dazu, dass herrschende Machtverhältnisse stabilisiert werden. Die aktuellen Kürzungen stellen gesellschaftliche Ursachen von Leid dar, die es politisch zu bekämpfen gilt.

Die Politisierung der Profession bedeutet:

  • Skandalisierung der Zustände: Die Auswirkungen der Kürzungen und die Realität der Wartelisten müssen offensiv in die Öffentlichkeit getragen werden.
  • Angemessene Balancierung: Die Höherbewertung der “Geräte-Medizin” gegenüber der bindungsorierten und sprechenden Medizin muss ausgeglichen werden. Diese entspricht nicht der Effektivität der Therapien und führt zu Fehlanreizen in der Versorgung.
  • Solidarische Praxis: Wir müssen gemeinsam mit Betroffenenverbänden gegen die Ökonomisierung der Psyche kämpfen.
  • Aufbau alternativer Strukturen: Modelle wie solidarische Stadtteilgesundheitszentren (Polikliniken) zeigen, wie Gesundheitsarbeit mit politischem Aktivismus verknüpft werden kann.
  • Theoretische Neuausrichtung: Die Einbeziehung kritischer Gesellschaftstheorie in die Ausbildung und Praxis ist essenziell, um die De-Individualisierung des Leidens voranzutreiben. Dazu braucht es intersektionale Perspektiven.

Psychotherapie kann eine subversive Praxis sein, wenn sie Räume schafft, in denen die Logik der Leistung, der Verwertung und der Selbstoptimierung außer Kraft gesetzt werden. In Anlehnung an Frantz Fanon müssen wir eine „Sozialtherapie“ entwickeln, die mit kapitalistischen Praktiken bricht und ein humaneres, solidarisches Umfeld schafft. Es geht darum, das Subjekt zu befähigen, nicht mehr nur zu „funktionieren“, sondern die herrschenden Verhältnisse umzustürzen, unter denen der Mensch ein „geknechtetes […] Wesen“ ist (Marx).

Die Forderung an die Politik ist klar: Die Honorarkürzungen müssen sofort zurückgenommen werden, und es bedarf einer massiven Investition in eine bedarfsgerechte, gesellschaftskritisch reflektierte psychotherapeutische Versorgung. Weiterhin müssen mehr Gelder zur Förderung sozialer Gerechtigkeit bereitgestellt werden (z.B. Bildung und Soziales). Doch wir dürfen uns nicht auf Forderungen beschränken. Wir Psychotherapeut:innen müssen aktivistisch werden und erkennen, dass die Heilung der Psyche nicht unabhängig von einem emanzipatorischen Wandel der Gesellschaft gedacht werden kann.

Die Entscheidung des Jahres 2026 ist eine Zäsur. An ihr wird einmal mehr deutlich, wie die Erzählung einer „humanitären Gesundheitsversorgung“ im Neoliberalismus ad absurdum geführt und die Brutalität ökonomischer Gewalt sichtbar wird. Die Devaluation der Psychotherapie ist die Devaluation des Menschlichen an sich. Wer das Gespräch, die Reflexion über und die Heilung von u.a. Traumata als „zu teuer“ abtut, bereitet den Weg für eine Gesellschaft der Kälte, der Gewalt und des autoritären Wahns.

Wir müssen den Mut aufbringen, ein Gesundheitssystem jenseits der Profitlogik zu denken, eine Psychologie jenseits der Anpassung und eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus. Das Aufbegehren gegen die herrschenden Verhältnisse muss auch im Therapiezimmer stattfinden, aber sie darf dort nicht enden. Sie muss auf die Straße, in die Parlamente und in die Köpfe der Menschen getragen werden. Denn, um es mit Ulrich Sonnemann zu sagen: „Das Wahre ist das Ganze nicht – es will es durch den Menschen erst werden“. Die Kürzungen sind ein Angriff – unsere Politisierung ist die Antwort.